Ein Laden stirbt nicht plötzlich
1. Mai 202620.05.2026 / Tim Sieber
Es gibt politische Konstellationen, an die man sich auch nach einigen Wochen noch gewöhnen muss. Die neue Münchner „Mango“-Koalition gehört zweifellos dazu. Grüne, SPD, Rosa Liste, FDP und Freie Wähler regieren nun gemeinsam diese Stadt. Das ist eine bemerkenswert breite Mischung, politisch wie kulturell. Man kann darin ein Risiko sehen. Man kann darin aber auch eine Chance erkennen: den Versuch, München nicht entlang alter Lagerlogiken zu verwalten, sondern aus sehr unterschiedlichen Perspektiven heraus neu zu denken.

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Der Name „Mango“ klingt dabei fast zu freundlich für das, was politisch dahintersteht. Er klingt nach Farbe, nach Mischung, nach etwas Ungewöhnlichem. Und vielleicht passt genau das zu München. Diese Stadt ist reich an Gegensätzen: wohlhabend und angespannt, international und dörflich, wirtschaftsstark und bürokratisch schwerfällig, schön und teuer. München ist eine Stadt, in der vieles funktioniert – aber auch eine Stadt, in der immer mehr Menschen spüren, dass Erfolg nicht selbstverständlich bleibt.
Gerade deshalb ist diese Koalition interessant. Sie muss mehr leisten als das bloße Zusammenhalten verschiedener Parteien. Sie muss beweisen, dass aus politischer Breite auch politische Klarheit entstehen kann. Denn München steht vor Aufgaben, die keinen weiteren Aufschub vertragen: solide Finanzen, mehr und bezahlbarer Wohnraum, eine moderne Verkehrspolitik, bessere Bedingungen für Wirtschaft und Handwerk, weniger Bürokratie und eine Verwaltung, die nicht nur kontrolliert, sondern ermöglicht.
Nach zwölf Jahren grün-roter Prägung ist es berechtigt, von einem liberalen Update zu sprechen. Nicht als Abrechnung, nicht als Bruch mit allem Bestehenden, sondern als notwendige Ergänzung. München braucht eine Politik, die ökologische und soziale Ziele ernst nimmt, aber ebenso wirtschaftliche Vernunft, finanzielle Solidität und praktische Umsetzbarkeit. Gute Absichten allein bauen keine Wohnungen, sanieren keine Schulen, schaffen keine Gewerbeflächen und halten keinen Haushalt zusammen.
Gerade bei den Finanzen wird sich zeigen, ob die neue Koalition mehr ist als ein Zweckbündnis. Die Schuldenpolitik der vergangenen Jahre darf nicht einfach fortgeschrieben werden. Eine wachsende Stadt braucht Investitionen, gewiss. München muss in Bildung, Infrastruktur, Mobilität, Digitalisierung und öffentlichen Raum investieren. Aber Investieren ist nicht dasselbe wie Ausgeben ohne Priorität. Wer gestalten will, muss handlungsfähig bleiben. Wer kommende Generationen nicht überfordern will, muss heute ehrlich sagen, was geht – und was nicht.
Hier kann die FDP eine besondere Rolle spielen. Sie ist nicht die größte Kraft in dieser Koalition, aber sie kann eine wichtige Korrekturkraft sein. Ihr wirtschaftsliberaler Kompass kann München guttun, wenn er konkret wird: bei Haushaltsdisziplin, bei schnelleren Genehmigungen, bei weniger Bürokratie, bei einer wirtschaftsfreundlicheren Verwaltung und bei einer Verkehrspolitik, die nicht ideologisch, sondern alltagstauglich ist.
Denn auch die Verkehrspolitik braucht einen neuen Ton. Zu oft wurde in München so diskutiert, als müsse sich die Stadt zwischen Auto, Rad, ÖPNV, Fußverkehr und Wirtschaftsverkehr entscheiden. Doch eine funktionierende Großstadt braucht alles – nur besser organisiert. Sie braucht einen starken Nahverkehr, sichere Radwege, gute Fußwege, aber eben auch erreichbare Betriebe, funktionierende Lieferverkehre und realistische Lösungen für Menschen, die auf das Auto angewiesen sind. Moderne Mobilität entsteht nicht durch das Gegeneinander von Verkehrsteilnehmern, sondern durch kluge Angebote.
Noch dringlicher ist die Wohnungsfrage. Bezahlbarer Wohnraum ist längst nicht mehr nur ein soziales Thema. Er ist eine zentrale Voraussetzung dafür, dass München als Stadt funktioniert. Wenn Pflegekräfte, Erzieherinnen, Handwerker, Verkäuferinnen, junge Familien und Auszubildende keinen Platz mehr finden, verliert die Stadt ihre Balance. Dann wird München nicht nur teuer, sondern einseitig. Mehr Wohnraum muss deshalb nicht nur angekündigt, sondern tatsächlich ermöglicht werden: schneller, einfacher, pragmatischer. Dazu gehören Beschleunigung in der Planung, Mut zur Nachverdichtung, mehr Baurecht, weniger Verfahrensstau und eine Debatte, die nicht jedes Bauprojekt zuerst als Zumutung betrachtet.
Auch das Handwerk verdient einen neuen Stellenwert. München spricht viel über Innovation, Start-ups und Hightech – zu Recht. Aber die Stadt lebt ebenso von Betrieben, die reparieren, bauen, installieren, versorgen und ausbilden. Handwerker brauchen Flächen, Zufahrten, bezahlbare Mieten, planbare Regeln und eine Verwaltung, die ihre Realität versteht. Wer mehr Wohnungen will, wer Klimaschutz praktisch umsetzen will, wer Schulen sanieren und Infrastruktur modernisieren will, braucht das Handwerk nicht am Rand der Stadtpolitik, sondern in ihrem Zentrum.
Der Koalitionsvertrag enthält viele gute Punkte. Er zeigt den Willen, München weiterzuentwickeln, ohne den sozialen Zusammenhalt aus dem Blick zu verlieren. Zugleich enthält er offenkundig Konfliktpotenzial. Das ist bei einer Koalition aus fünf sehr unterschiedlichen Partnern unvermeidlich. Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob es Konflikte geben wird. Die Frage ist, ob diese Konflikte produktiv werden.
Wenn die Partner ihre Unterschiede nur verdecken, wird die Mango-Koalition schwerfällig. Wenn sie sie jedoch als Korrektiv begreifen, kann daraus etwas Bemerkenswertes entstehen: eine Stadtregierung, die ökologische Verantwortung mit wirtschaftlicher Vernunft verbindet, soziale Ziele mit solider Finanzierung, Fortschritt mit Alltagstauglichkeit.
Die FDP hat nun die Chance zu zeigen, dass liberale Politik in einer solchen Konstellation mehr sein kann als ein Minderheitenakzent. Sie kann Impulsgeber sein: für solide Finanzen, für mehr Wohnraum, für eine starke lokale Wirtschaft, für bessere Bedingungen des Handwerks und für eine pragmatische Mobilitätspolitik.
Die Mango-Koalition bleibt erstaunlich. Aber vielleicht ist genau das ihr Vorteil. München braucht nicht noch mehr politische Routine. München braucht eine Regierung, die zuhört, priorisiert und handelt. Freundlich im Ton, klar in der Sache und mutig genug, die Chancen dieser ungewöhnlichen Konstellation zu nutzen.
