Das erstaunliche Experiment
20. Mai 202608.06.2026 / Tim Sieber
Es gibt Städte, in denen Verkehrspolitik nach Aufbruch klingt. Nach besserer Vernetzung, nach klugen Alternativen, nach einem öffentlichen Raum, der für alle funktioniert. Und dann gibt es München. Eine Stadt, in der Verkehrspolitik immer häufiger aussieht wie eine Aneinanderreihung von Sperrbaken, Baustellen, verengten Fahrspuren, wegfallenden Parkplätzen und gut gemeinten Konzepten, die im Alltag vieler Menschen vor allem eines erzeugen: Stillstand.
Der Dauerstau ist längst kein Randphänomen mehr. Er ist Teil des Münchner Lebensgefühls geworden. Wer morgens oder am Nachmittag durch die Stadt muss, braucht nicht nur Zeit, sondern Geduld, Leidensfähigkeit und manchmal auch eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber der Frage, ob man überhaupt noch pünktlich ankommen kann. Lieferverkehr, Handwerker, Pendler, Familien, Pflegedienste, Taxifahrer, Gewerbetreibende – sie alle verlieren täglich wertvolle Zeit. Und mit der Zeit verlieren sie auch Vertrauen: in Planung, in Verlässlichkeit, in eine Stadtpolitik, die offenbar unterschätzt, wie sehr Mobilität Voraussetzung für wirtschaftliches und gesellschaftliches Leben ist.
Natürlich muss eine wachsende Stadt ihre Mobilität neu denken. Natürlich kann nicht jede Straße für immer so bleiben, wie sie einmal war. Und natürlich braucht München bessere Radwege, moderne Verkehrsführung und einen attraktiveren öffentlichen Nahverkehr. Aber eine Politik, die den Autoverkehr immer weiter erschwert, ohne ausreichend funktionierende Alternativen zu schaffen, erzeugt keine Verkehrswende. Sie erzeugt Frust.
Besonders sichtbar wird das im Innenstadtbereich. Parkplätze verschwinden, Zufahrten werden komplizierter, Baustellen blockieren Wege, Umleitungen führen in neue Engstellen. Für manche mag das nach konsequenter Stadtentwicklung klingen. Für viele andere ist es schlicht ein Problem. Denn nicht jeder kann mit dem Rad fahren. Nicht jeder hat eine U-Bahn vor der Haustür. Nicht jeder transportiert nur eine Laptoptasche. Wer Werkzeug, Ware, Kinder, ältere Angehörige oder schwere Einkäufe dabei hat, erlebt die romantische Idee der autofreien Stadt oft als realitätsferne Zumutung.
Hinzu kommt ein Punkt, der in der Debatte gern übersehen wird: Stau ist nicht nur lästig, sondern auch ökologisch problematisch. Fahrzeuge, die im Stop-and-go durch München kriechen, verbessern die Luft nicht. Wer Verkehr künstlich verlangsamt, Engstellen schafft und den Verkehrsfluss zerstört, darf sich nicht wundern, wenn Emissionen steigen statt sinken. Eine umweltfreundliche Verkehrspolitik müsste daran interessiert sein, Verkehr zu vermeiden, zu verlagern und dort, wo er notwendig ist, flüssiger und intelligenter zu organisieren. Das Gegenteil davon ist eine Stadt, in der alle stehen – nur eben mit moralisch beruhigendem Begleittext.
Besonders kritisch ist die Lage für Einzelhandel und Gewerbe. München lebt nicht nur von großen Konzernen, sondern auch von kleinen Läden, Werkstätten, Gastronomie, Dienstleistern und Handwerksbetrieben. Sie brauchen Kunden, Liefermöglichkeiten, Erreichbarkeit. Wenn Menschen aber den Eindruck haben, dass ein Einkauf in der Innenstadt zu einem Hindernislauf wird, weichen sie aus. Manche fahren in Einkaufszentren am Stadtrand. Andere bestellen gleich online. Für den lokalen Handel ist das fatal. Denn während über lebendige Quartiere gesprochen wird, werden zugleich Bedingungen geschaffen, die genau diese Lebendigkeit gefährden.
Oft lautet die Antwort: Dann sollen die Menschen eben den ÖPNV nutzen. Doch auch hier klafft eine Lücke zwischen Anspruch und Alltag. Der öffentliche Nahverkehr in München ist vielerorts noch immer zu langsam, zu unzuverlässig und zu schlecht ausgebaut. Hinzu kommt, dass viele Bürger ihn als schmutzig, unsicher, unbequem oder schlicht überfüllt erleben. Man kann diese Wahrnehmungen politisch unangenehm finden. Man kann sie kommunikativ glätten. Aber man kann sie nicht einfach wegdiskutieren. Wer möchte, dass Menschen umsteigen, muss ein Angebot schaffen, das im Alltag überzeugt – nicht nur in Broschüren.
Eine moderne Verkehrspolitik müsste deshalb weniger ideologisch und mehr praktisch sein. Sie müsste fragen: Wie kommen Menschen zuverlässig zur Arbeit? Wie erreicht der Handwerker seinen Kunden? Wie kann der Einzelhandel beliefert werden? Wie bleibt die Innenstadt erreichbar? Wie wird der ÖPNV wirklich schneller, sauberer, sicherer und komfortabler? Und wie kann man Baustellen so koordinieren, dass nicht der Eindruck entsteht, die Stadt habe jedes Gefühl für Zumutbarkeit verloren?
München braucht keine Verkehrspolitik, die einzelne Gruppen gegeneinander ausspielt. Nicht Auto gegen Rad. Nicht Innenstadtbewohner gegen Pendler. Nicht Klima gegen Wirtschaft. Die Stadt braucht eine Politik, die Mobilität als Ganzes denkt. Mit besseren Alternativen, intelligenter Baustellenplanung, funktionierendem Nahverkehr, ausreichend Lade- und Lieferzonen, Parkraumkonzepten mit Augenmaß und einem klaren Blick für die wirtschaftlichen Folgen politischer Entscheidungen.
Denn am Ende ist der Stillstand nicht nur ein Verkehrsproblem. Er ist ein Symbol. Für eine Stadt, die viel will, aber zu oft schlecht umsetzt. Für eine Politik, die Ziele formuliert, aber den Alltag unterschätzt. Und für Bürger, die sich fragen, ob ihre Lebenswirklichkeit in den Konzeptpapieren überhaupt noch vorkommt.
München muss sich bewegen. Nicht irgendwann. Sondern jetzt.
